NÖ Wirtschaft vom 29. Mai 2015 / Folge_21_22 - page 8

8 · Niederösterreich ·
Nr. 21/22 · 29.5.2015
Niederösterreichische Wirtscha
Überraschung aus dem Karpfenteich
Wie das Unternehmerleben so spielt. Ein Sägewerk und
eine Karpfenzucht ernähren im Waldviertel die Familie
Schuh. Dann kommt ein Russemit Urvolk-Wurzeln daher
und zeigt dem Chef, dass man aus dem Abfallprodukt
Haut spezieller Fische Leder erzeugen und gutes Geld
damit verdienen kann.
NÖWI: Ich dachte, dass es bei
Ihnen hier ganz schön nach
Fisch riecht. Tut‘s aber nicht.
Warum?
Georg Schuh
: Der Karpfen riecht
sogar besonders schlimm. Aber
die fertige Fischhaut riecht nicht.
Wir waschen sie mit einem gän-
gigen Waschmittel.
Verraten Sie mir, welches?
Nein, das ist Betriebsgeheimnis
(schmunzelt), wir haben uns im
Laufe der Zeit ein großes Know-
how bei der Herstellung von
Fischhaut angeeignet.
Wie kam es dazu, dass Sie
Ihren Karpfen die Haut ab-
ziehen und sie vermarkten?
1999 kau e ein Schamane
bei uns Holz für eine
neue Hütte. Wir
kamen ins Ge-
spräch und ich
erzählte
von
meinenFischtei-
chen im Wald-
viertel. Darauf-
hin berichtete
der Russe, dass
sein Urvolk, die
Nanais aus der Man-
dschurei, einstmals Fischleder zu
Bekleidungsstücken und anderen
Gebrauchsgegenständen verar-
beiteten. Das interessierte mich
sehr, ich wollte diese alte Traditi-
on wieder aufleben lassen.
Der Schamane half dabei?
Wir gründeten gemeinsam eine
Firma zur Herstellung von Pro-
dukten aus Fischhäuten. Er hatte
das Wissen, ich die Ware, den
Fisch. Finanziell stand ich nicht
unter Druck und was man nicht
unter Druckmacht, gehtmeistens
gut. Der russische Partner blieb
zwei Jahre, dann zog er weiter.
Lässt sich der Karpfen ohne
Haut überhaupt verkaufen?
Das war das Problem, die Abneh-
mer für den ganzen Fisch habe ich
verloren, der Karpfenesser will die
Haut. Aber in der Gastronomie, die
ich beliefere, merkt man langsam,
dass die Küche jetzt weniger Ar-
beit hat und keine Schuppen mehr
geputzt werden müssen.
IhrUnternehmenheißt „Yupi-
taze“. Ist der Name nicht zu
sperrig fürs Geschä ?
Wenn man das Wort Fisch-
haut googelt, kommt
sofort „Yupitaze“.
Ich sehe da kein
Problem.
Was bedeutet
der Name?
„Barbaren
in
Fischhaut“.
Die
Nanai wurden von
ihren chinesischen
Nach-
barn so genannt, weil
sie große Künstler im Verarbeiten
von Fischhaut waren.
Welche Produkte stellen Sie
aus Fischhaut her?
Die Palette ist unbegrenzt. Schlüs-
selanhänger, Brillenetuis, Feu-
erzeuge, Gürtel, Armbänder, Ta-
schen. Eben alles, was sich dafür
eignet. Wir wollten ursprünglich
in Litschau produzieren und hier
eine Näherei eröffnen. Ich war
beim Arbeitsamt, wollte Arbeits-
plätze schaffen, aber die hatten
kein Interesse. Also machen wir
hier nur dieHaut. Die vonSaibling,
Lachs und anderen werden zuge-
kau . Firmen in Wien, München,
Berlin und Dresden verarbeiten
die fertige Haut dann nachmeinen
Vorstellungen. Der Grundkörper
ist meistens Kalbsleder, darauf
wird die Fischhaut appliziert. Den
Verkauf übernehme dann wieder
ich.
Wer sind Ihre Abnehmer?
Zum einen läu der Verkauf über
das Internet, zumanderen sind wir
in 4- und 5-Sterne Hotel-Shops
gelistet. Der direkte Kontakt mit
Kunden geht über Bauernmärkte,
z.B. im Palais Niederösterreich
in der Herrengasse in Wien. Wir
empfangen auch Gäste, die mit
Bussen anreisen und hier zu uns in
den Verkaufsraum kommen.
Wie wichtig ist der Standort
einer Firma? Sind Sie hier
nicht sehr weit vom Schuss?
Ich denke, der Standort ist nicht
entscheidend, wichtig ist, wo man
das Produkt dann vermarktet.
Ihr Sohn managt derweil das
Sägewerk?
So ist es. Und ich halte das Ge-
schä hier am Kochen, richtig Gas
geben kann dann die Jugend, wenn
sie übernehmen will.
Würden Sie alles noch einmal
so machen?
Mit dem jetzigen Erfahrungswert
würden viele Aufregungen weg-
fallen, aber das Erfolgserlebnis
wäre stark geschmälert!
Georg Schuh vermarktet seine Karpfen doppelt.
Fotos: Hetzmannseder/zVg
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4 Fischteiche = 12 Hektar
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verarbeitet 2t Fischhaut p.a.
Verkaufspreise von 10-700 Euro
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Eckdaten
Unternehmerleben
hinterfragt
Von Suzanne Sudermann
„
Serie – Teil 31
„
Ganze Serie im Internet
Hinterfragt
Unternehmerleben
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