Salzburger Wirtschaft vom 16. August 2019 / Folge 16

6 · Themen · Nr. 16 · 16. 8. 2019 Salzburger Wirtschaft Blockchain nach dem Hype: Eine Lösung findet ihre Anwender Der erste Blockchain-Hype ist vorüber. Es klärt sich, wo der Einsatz dieser zukunftsträchtigen Techno­ logie sinnvoll ist und wo nicht. Gleichzeitig nimmt das Interesse an Block- chain-Lösungen deutlich zu, berichtet Block- chain-Forscher Clemens Brunner vom Zentrum für Sichere Energieinformatik an der FH Salzburg. 2008 wurde das Block- chain-Grundkonzept – im Kern ein über zahllose Rechner ver- teilter fälschungssicherer kryp- tografischer Mechanismus, der Transaktionen jeglicher Art ermöglicht – unter dem Pseudo- nym „Satoshi Nakamoto“ veröf- fentlicht. Binnen weniger Jahre hat sich daraus weltweit eine reichhaltige und milliarden- schwere Blockchain-Szene entwi- ckelt, allerdings mit oft reichlich überzogenen Erwartungen. Sie sollte nahezu alle Prozesse in der Wirtschaft revolutionieren und Zwischenhändler aller Art elimi- nieren, lautete die Ansage. Es geht zunehmend um konkrete Anwendungen Einige Kursstürze bei Bitcoin und anderen Krypto-Währungen später wird das Blockchain-Thema mittlerweile etwas abgekühlter betrachtet – was der konkreten Auseinandersetzung mit den tat- sächlichen Chancen der dezent- ralen Netzwerktechnologie gut- tut. „Das Thema wird jetzt rea- listischer angegangen“, betont Clemens Brunner, Forscher am Zentrum für Sichere Energieinfor- matik (ZSE) an der FH Salzburg. Gleichzeitig sind aber auch immer mehr Unternehmen ernsthaft interessiert, die Möglichkeiten der Blockchain für ihre Unterneh- men zu erproben, berichtet Block- chain-Experte Brunner. Das zeigte ein erstes „Block- chain-Vernetzungstreffen“ Anfang des Sommers, das namhafte Salz- burger Unternehmen nutzten, um ihre Projekte zu diskutieren oder sich Know-how für einen Einsatz der Blockchain zu holen. „Das war kein Blockchain-Erklärungstref- fen mehr“, erzählt Brunner: „Es geht in der Wirtschaft zunehmend um konkrete Anwendungen.“ Das Vernetzungstreffen sollte daher auch der Auftakt zur Schaf- fung ein Blockchain-Community sein, um alle zusammenzubrin- gen, die bereits an Blockchain-An- wendungen arbeiten oder arbei- ten wollen. Das nächste Treffen wird im Frühling 2020 statt- finden. Wer Interesse daran hat, kann sich schon jetzt bei Clemens Brunner (blockchain@‑entrust. at) melden. ZSE hilft den „Use-Case“ zu finden Dass das Zentrum für Sichere Energietechnik zur ersten Zusammenkunft der Block- chain-Pioniere eingeladen hat, liegt auf der Hand: Das ZSE ist der Kristallisationspunkt für kon- krete Blockchain-Anwendungen im Bundesland Salzburg, dort fin- det sich die meiste Erfahrung mit konkreten Blockchain-Anwen- dungen. Beim Projekt „ProChain“ gemeinsam mit Salzburg AG und Verbund ging es etwa darum, die Anwendung einer „privaten“ Blockchain beim Austausch von Strombezugsrechten von Photo- voltaik-Anlagen zwischen Mie- tern oder Hauseigentümern zu erproben. Ein einsetzbarer Block- chain-Prototyp für das Verwalten von Bezugsrechten ist eines der Ergebnisse dieses Projekts. Die Zusammenarbeit mit der Salz- burg AG auf diesem Gebiet wird fortgesetzt, berichtet Prof. Domi- nik Engel, Leiter des ZSE. sproof als ZSE-Spin-off „Wir haben hier enorm viel gelernt“, erzählt Engel: „Wir wis- sen, wo eine dezentrale Block- chain sinnvoll einsetzbar ist – und sagen aber auch oft, wenn das nicht der Fall ist. Der Use- Case ist entscheidend.“ Derzeit forscht man im ZSE unter ande- rem an Dokumentenverifizierung durch Blockchain-Lösungen, bzw. entwickelt Zeitstempel-Ser- vices via Blockchain. Das ist das Forschungsgebiet (und die Dok- torarbeit) von Clemens Brun- ner: „Damit kann jede Form von Dokument, etwa Zeugnisse, Zerti- fikate, Pässe etc. fälschungssicher authentifiziert und dezentral zur Verfügung gestellt werden.“ Ein vielversprechender Markt, den Brunner gemeinsam mit Fabian Knirsch und Erich Höpoldseder in ihrem Start-up sproof ( www. sproof.io) er proben will – ein wei- terer akademischer Spin-off aus der Forschungstätigkeit der FH bzw. des ZSE. Das Zentrum ver- steht sich aufgrund seiner Erfah- rungen als Ansprechpartner für alle Unternehmen, welche mög- liche Blockchain-Anwendungen unverbindlich besprechen oder präsentieren und sich den Input von ZSE-Forschern holen wollen. Daraus könnten sich nach Bedarf ja auch gemeinsame Forschungs- projekt ergeben, die dem Unter- nehmen und dem ZSE dienen, das das Thema Blockchain weiter verstärken will. Dominik Engel sieht den Wert der Auseinander- setzung mit der Blockchain-Tech- nologie grundsätzlich positiv: „Sich damit zu beschäftigten, ist ein mentaler Katalysator. Oft ist die Beschäftigung mit der Block- chain der Einstieg in digitale Innovationen generell.“ Die Block- chain-Exper- ten Fabian Knirsch, Erich Höpoldseder und Clemens Brunner verwirk- lichen mit ihrem Start-up sproof (www.sproof.io) neue Blockchain-Lösungen (im Bild von links). Foto: wildbild ZSE: Smarte Grids und sichere Daten Das Zentrum für Sichere Energieinformatik an der FH Salzburg wurde 2017 etab- liert. Es ist die Nachfolgeorga- nisation des Josef-Ressel-Zen- trums für anwenderorientierte Smart Grid Privacy, Security und Steuerung (2013–2017). Das ZSE erforscht gemein- sam mit Unternehmen und Forschungspartnern die Digi- talisierung von Energiesyste- men und deren Absicherung gegen externe Angreifer und vor Datenmissbrauch. Ko­ operationspartner sind die Salzburg AG, Salzburg Wohn- bau GmbH, Siemens Corporate Research and Technologies, Successfactory, LieberLieber Software, Robert Bosch GmbH, Salzburg Research Forschungsgesellschaft u. a. Mehr dazu: https ://www.fh-salzburg.ac.at Fakten

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