NÖ Wirtschaft vom 21. Februar 2020 / Folge_7_8

10 · Niederösterreich · Nr. 7/8 · 21.2.2020 Niederösterreichische Wirtscha Gut behütet in Baden In der Fußgängerzone mitten in Baden ist seit acht Jahrzehnten die Hut- manufaktur „Camilla“ angesiedelt. Die quirlige, mode-affine Anda Camilla Fischer übernahm vor vier Jahren das alteingesesse- ne kleine feine Geschä und führt es nun mit Leidenscha und Engage- ment weiter. NÖWI: Frau Fischer, schaut Mama noch ab und zu vorbei und sagt, wo es langgeht? Anda Fischer : Sie kommt ,Hallo sagen‘, aber ansonsten lässt sie mich machen. Ich glaub, sie ist froh, dass ich über Umwege nun doch ins Familienunternehmen gefunden habe! Sie sind ja eine „Spätberu- fene“ und haben nach Ihrer klassischen Ausbildung als Modistin erst mal ganz was anderes gemacht ... Ich bin im Mode-Milieu bei der Mutter und der Oma aufgewach- sen und es war erst mal klar, dass ich hier die Lehre, Praxis und dann die Meisterprüfung absolviere. Als ich dann 30 war, wollte ich unbedingt raus, was Soziales ma- chen, mich künstlerisch ausleben. Da sind Sie dann ganz eigene Wege gegangen? Ja, ich machte eine Rhythmus- ausbildung auf Percussion und Trommeln, betreute Menschen mit besonderen Bedürfnissen und ließ mich in Kinesiologie ausbil- den. Wichtig war für mich, auch mal etwas anderes zu tun, aber ich wusste immer, eines Tages komme ich zurück. Was haben Sie von der Mutter übernommen? Den Blick fürs Schöne, den Farben- sinn. Wenn jemand ins Geschä kommt, erspüre ich die Person so- fort. Das Gesicht ist etwas Beson- deres, Sensibles, in den ersten fünf Sekunden weiß ich schon genau, was ich dem Kunden, der Kundin aufsetze. Ich habe da eine große Beratungskompetenz, die Kunden lieben das. Und was machen Sie anders als Ihre Vorgängerinnen? Meine Mutter zelebrierte eher den eleganteren Stil. Mein Stil ist läs- sigund tragbar, ichmagnicht diese Verkleidung für einen Anlass. Mir ist auch die Funktion wichtig, die Kopfbedeckung sollte die Kälte zu- rückhalten, also wärmen und nicht allein nur gut aussehen. Ich biete den täglichen Chic und das passt gut in die heutige Zeit. Was glauben Sie, zeichnet Ihr Unternehmen aus? Mein wirtscha liches Plus ist mein absolutes Fachwissen und ein bestgeschultes Personal. Es hat sich viel geändert im allge- meinen Kundenverhalten und es gibt viel Mitbewerb im Internet. Eine perfekte Beratung wird je- doch auch in Zukun wichtig sein und immer begrüßt werden. Wächst man ins Unterneh- mertum hinein? Chefin zu sein ist ein Lernprozess. Da braucht es neben Herzlich- keit und Menschlichkeit auch Härte und Klarheit. Loslassen ist sehr wichtig und auch mal ,Nein‘ sagen. Zum Beispiel wenn jemand Rabatt fordert. Es ist eine Augenauswischerei mit den Pro- zenten, das wird woanders wieder draufgeschlagen. Ich mag dieses Billigdenken überhaupt nicht. Wer ist Ihre Kundscha ? Vor allem Stammkunden, viele von Wien und Umgebung, Touri- sten besonders aus Deutschland, Kurgäste und dieHerrscha en aus Baden. Ich habe zum Glück eine optimale Lage in der City! Die Hüte hier im Geschä sind alle von Ihnen gefertigt oder kaufen Sie zu? 20 Prozent mache ich selbst in meiner kleinen Werkstatt, alles Einzelstücke in zwei Drittel Hand- arbeit. 80 Prozent, inklusive der Herrenhüte, kaufe ich von renom- mierten Firmen, deren Vetreter michbesuchen.ManmussdieWare angreifen, fühlen, bevormanordert. Eigentlich sind Sie ja ein Modesalon. Ich sehe hier neben Hüten auch Schals und Handschuhe ... Diese Accessoires unterstreichen und vollenden schließlich das Gesamtbild einer Person. Eine Dependance in Wien aufzumachen war nie ein Thema? Ja, sicher denke ich darüber nach, aber der Alltag rattert drüber, die Auslage wird zweiwöchentlich gewechselt, ich stehe sechs Tage die Woche im Geschä , es bleibt nie Zeit für Planungen dieser Art. Und allein schaffe ich das nicht, da brauche ich eine wirtscha liche Beratung. Ich habe ja noch nicht mal eine Homepage! Ich muss online mehr präsent sein, das ist die Zukun – nein, was sage ich – das ist ja schon die Gegenwart! Anda Fischer in ihrer Werkstatt. Foto: Michael Hetzmannseder Camilla Hutdesign f 1.000 verschiedene Hüte f 2 Mitarbeiter f 65 qm Geschä slokal f Hut ab 29 Euro „ Eckdaten Unternehmerleben hinterfragt Von Suzanne Sudermann „ Serie – Teil 74 „ Ganze Serie im Internet www.noewi.at/unternehmerleben-hinterfragt Hinterfragt Unternehmerleben

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