NÖ Wirtschaft vom 05. August 2016 / Folge 30/31 - page 4

Thema
4 ·
Nr. 30/31 · 5.8.2016
Niederösterreichische Wirtscha
BREXIT: Jetzt ist er da!
„
Meinung
„BREXIT für EU-
Neustart nutzen“
Das Vereinigte Königreich ist
die zweitgrößte Volkswirt-
scha der EU. Der Anteil der
EU am globalen BIP dür e
durch den BREXIT von 17 auf
14,6% sinken, der Anteil an
globalen Exporten von 33,9
auf 30,3%. Eines ist klar: Eur-
opa darf jetzt nicht in Selbst-
mitleid versinken. Das Nein
der Briten muss als Chance
genutzt werden. Europa ist in
der Vergangenheit immer an
seinen Krisen gewachsen. Es
gibt viele Baustellen, die drin-
gend erledigt werden müssen
(Migration, Griechenland,
Bürokratie). Praktische Lö-
sungen müssen nun gefunden
und umgesetzt werden!
Der BREXIT muss auch ge-
nutzt werden, um die Vorteile
der EU zu zeigen. Vielen Bri-
ten wird jetzt bewusst, was
sie verlieren: Aufenthalts- und
Arbeitsgenehmigungen für
27 EU-Staaten, keine Teil-
nahme an Forschungs- und
Bildungsprogrammen, keine
automatische Anerkennung
von Standards, Normen etc.
Aber: Auch wenn Großbritan-
nien bald kein Mitglied der
EU mehr sein wird, muss es
als wichtiger Partner erhalten
bleiben, da dies für beide Sei-
ten ein Gewinn wäre!
„
Kommentar
Franziska
Annerl,
EU-Büro
der WKÖ in
Brüssel
Foto: WKÖ
52% der Briten haben sich für ei-
nen EU-Austritt entschieden. Klare
Mehrheiten für „Remain“ in London,
Schottland und Nordirland reichten
nicht, um den BREXIT zu verhindern.
Welche Bedeutung hat das für unsere
Unternehmen?
„Für die negativen
volkswirtscha lichen
Folgen eines BREXIT
gibt es seit langemMo-
dellrechnungen“, er-
klärt Christian Kesberg,
österreichischer Wirt-
scha sdelegierter in
London. Die Economist
Intelligence Unit (EIU)
prognostiziert für 2017
eine Kontraktion der
britischen Volkswirt-
scha um etwa 1% und
Wachstum unter einem
Prozent bis 2020. Auch
langfristig (bis 2030)
dür e die Wachstums-
kurve flacher ausfallen,
als bei einem Verbleib
der Briten in der Union.
Die
konjunkturel-
le Abkühlung und die
Abwertung des Pfund
verkleinern zusätzli-
ches Potenzial für Ex-
porte österreichischer
Produkte und Dienst-
leistungen. Kesberg:
„Beobachtet man er-
ste Signale der Aktien-
märkte, dür en Zulie-
ferungen für denWohn-
bausektor am meisten
betroffen sein. Auch die
österreichische Touris-
muswirtscha wird die
Auswirkungen der Ab-
wertung spüren.“
Verhandlungen
entscheiden
Kommt es bei den
Verhandlungen
über
den kün igen Zugang
der Briten zum Bin-
nenmarkt zu unerwar-
teten Einschränkungen
bei der Entsendung von
Fachkrä en nach Groß-
britannien,
könnten
langfristig auch die An-
bieter vonMontage und
Baudienstleistungen,
diegut imGeschä sind,
vor Problemen stehen.
In einer Umfrage un-
ter Leitern österreichi-
scher Niederlassungen
reagieren die meisten
gelassen auf die Folgen
eines BREXIT. Proble-
matisch sieht man vor-
erst nur die Volatilität
des Wechselkurses. Die
verunsichert Kunden
und macht Planungen
schwierig. Sonst heißt
es: „business as usu-
al“, abwarten, was tat-
sächlich passiert und
sich darauf einstellen.
Kesberg: „Viele Liefe-
ranten wissen, dass sie
in Nischen tätig sind,
wo sie zwar von der
Nachfrageschwäche
betroffen werden, aber
grundsätzlich nicht er-
setzt werden können.“
Kontakt:
wko.at/noe/aw
Thomas Pfeiffer, Geschä sfüh-
rer HERKA Gmbh, Kautzen:
„2015 erwirtscha eten wir 3%
unseres Gesamtumsatzes mit bri-
tischen Firmen. Dennoch fürchten
wir den BREXIT nicht! Denn als
Frottierweberei, die Sonderanfer-
tigungen in Kleinst- bis Groß-
mengen herstellt, können wir die
gesamte Produktionskette abbil-
den – einen vergleichbaren Produ-
zenten gibt es inUK nicht. Wir sind
überzeugt, dass für österreichische
Firmen die Zukun saussichten
trotz aktueller Unsicherheit posi-
tiv sind!“
herka-frottier.at
Andreas Ludwig, Vorstandsvor-
sitzender Umdasch Group AG,
Amstetten:
„Ich glaube, dass der
BREXIT sowohl Großbritannien
als auch der EU großen Schaden
zufügen wird. Die Entscheidung
ist extrem enttäuschend, da offen-
sichtlich im Jahr 2016 noch vie-
le Menschen ein fundamentales
Missverständnis darüber haben,
was Wohlstand und Wirtscha
bedeuten!
Generell: Heutzutage die Dis-
kussion zu führen, ob großeMärk-
te, ob Freihandel etwas Gutes ist,
finde ich grotesk.“
umdasch.com
„
Meinung
Was sagen Sie dazu?
Schreiben Sie uns
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Foto: Fotolia
Fotos: Fotolia, Herka, Umdasch Group/Peter Rigaud
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