NÖ Wirtschaft vom 05. August 2016 / Folge 30/31 - page 13

· Niederösterreich · 13
Nr. 30/31 · 5.8.2016
Niederösterreichische Wirtscha
Volldampf in der Backstube
Georg Öfferl ist gelernter
Wirtscha singenieur.
Für die Bäckerei seiner
Mutter interessierte der
25-Jährige sich null. Als er
die Kostenkalkulationen
des Betriebes prü e, be-
merkte er, dass der Posten
Backmischungen viel zu
hoch war. Da packte ihn
der Ehrgeiz. In nur einem
Jahr hat er den Betrieb in
Gaubitsch (Bezirk Mistel-
bach) umgekrempelt und
fertige Backmischungen
verbannt.
NÖWI: Herr Öfferl, Sie ma-
chen ja ganz schön Dampf!
Georg Öfferl:
Stimmt, und das
nicht nur in unserem Ofen!
Ihr Brot backen Sie in einem
Dampfbackofen, was heißt
das genau?
Im 19. Jahrhundert war das ein
Qualitätsmerkmal und steht für
gleichbleibende Brotqualität. Die-
ser Ofen arbeitet nicht mit Umlu
und das Brot trocknet nicht so
schnell aus.
Und wie sind Sie plötzlich so
berühmt geworden? Die Pres-
se nennt Sie „Shooting-Star“.
Das kam sehr überraschend.
Entdeckt wurde ich von der Jour-
nalistin und Slowfood-Aktivistin
Barbara van der Melle. Es gab un-
ter anderemBerichte in der Krone,
im Kurier und in der Presse am
Sonntag. Aber jetzt mach ich erst
mal Schluss, Euch geb ich das letz-
te Interview für die nächste Zeit.
Warum das denn?
Ich muss mittlerweile Kunden ab-
sagen. Die wollen mein Brot und
ich hab keine Kapazitäten mehr.
Also keine Spur von Bäcker-
sterben bei Ihnen?
Nein, überhaupt nicht. Ehrlich,
die Branche ist auch selbst schuld.
Man muss dem Kunden einen
Grund geben, warum er zum
Bäcker gehen soll.
Welchen Grund haben Sie
sich ausgedacht?
Ich erzähle Geschichten ums Pro-
dukt. Jede Sorte hat einen eigenen
Namen, das „adelt“ das Brot und
macht es wertvoll. Ich habe das
Sortiment von 20 auf 6 Sorten re-
duziert. Qualität statt Quantität.
Bio und Urgetreide. Das machen
zwar schon einige, aber sie reden
nicht drüber.
Zittert Herr Weghaupt (Jose-
ph Brot) eigentlich schon vor
Ihnen?
Er ist mein großes Vorbild, zeigt
allen, wie es geht, er hat den
Markt aufbereitet und belebt,
auch mit seinem Marketing. Ich
denke aber, der Markt verträgt
10 Joseph-Brot-Anbieter. Somit
wird er nicht zittern, wahrge-
nommen hat er mich sicher schon
(schmunzelt).
Wie nahm die Kundscha
die Veränderungen der
alteingesessenen Bäckerei
hier im Dorf auf? Sind die
Stammkunden geblieben
oder kommt jetzt eine ganz
neue Klientel?
Beides. Wir verkaufen hier im
Geschä mehr als vorher, obwohl
wir teurer geworden sind. Die
Leute kennen uns alle, wir haben
hier ein Vereinsleben, da redet
man miteinander. Dazugekom-
men ist Kundscha bis nachWien.
Irene Pöhl (Pöhl’s Käsestand am
Kutschkermarkt) war die erste,
die uns weiterempfohlen hat, jetzt
beliefern wir sogar das „Motto am
Fluss“ mit unserem Brot!
Als Unternehmer sind Sie
ein ziemlicher Youngster.
Wie verschaffen Sie sich bei
den alteingesessenen Gesel-
len Respekt?
Das muss man sich erst erarbei-
ten. Wissen macht viel aus. Am
Anfang wunderten sie sich, wie
man so viel Freude an einem Brot
haben kann. Dann realisierten sie
relativ schnell, dass das Konzept
am Markt ankommt. Deren Er-
fahrung und mein jugendliches
Know-how ist wohl die richtige
Melange hier in der Backstube.
Was wäre aus der Bäckerei
Ihrer Mutter geworden, wenn
sie so weitergemacht hätte?
FürmeineMutter hätte es noch ge-
reicht, aber dann hätte sie zusper-
ren und Leute entlassen müssen.
Steht Sie hinter Ihnen?
Total, sie arbeitet auch mit, eben-
falls mein Cousin Lukas.
Ihr Erfolgsrezept?
Chaotisch. Kreativ aber chaotisch.
ZumGlück hab ich den Lukas, der
dämp mich ab und an.
Wobei wir wieder beim
Dampf sind. Was hecken Sie
als nächstes aus?
Ich wollte schon immer ein Scho-
koladenbrot machen, jetzt ist es
soweit. Zotterschokolade mit Bio-
marillen in meinem Brot – es wird
„Fräulein Lola“ heißen.
Wie sehen Sie Ihre persönli-
che Zukun ?
Die Freundin ist mir abhanden-
gekommen. Das lag an den bezie-
hungsunfreundlichen Arbeitszei-
ten (lacht), jetzt liegt der Fokus
dafür voll und ganz auf meiner
Arbeit.
„
Eckdaten
„
Ganze Serie im Internet
Hinterfragt
Unternehmerleben
Georg Öfferl gutgelaunt und schwer im Einsatz.
Foto: Michael Hetzmannseder
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120 t Weizenmehl pro Jahr
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240 Laibe Produktion pro Tag
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12 Mitarbeiter
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500.000 Euro Umsatz
Unternehmerleben
hinterfragt
Von Suzanne Sudermann
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Serie – Teil 22
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